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„The Wall“ live – damals und heute

15. September 2010 Kategorie: DIMAVERY, Wissenswertes Tags: , ,

Zum 30. Jubiläum der legendären Live-Konzerte zu „The Wall“ 1980/81 wird Roger Waters, der kreative Kopf von Pink Floyd, ab heute noch einmal die Welt mit seinem Meisterwerk bereisen. Für Waters, der diesen Monat 67 Jahre alt wurde, könnte es wie er selbst verlauten ließ die letzte große Tour sein. Im Sommer 2011 sind auch Konzerte für Deutschland angesetzt.

http://www.youtube.com/watch?v=4KYrAqAZfjs


Pink Floyd waren schon immer eine etwas andere Band: Als das Quartett um Sänger und Gitarrist Syd Barrett Mitte der 60er in Erscheinung trat, waren sie eine der ersten Formationen mit einer eigenen Lightshow. Zu dieser Zeit war es üblich, dass die Veranstalter Musikgruppen und Lightshows unabhängig voneinander buchten. In den USA hatte manche Lightshow den Bekanntheitsgrad einer gefragten Band. Pink Floyd integrierten bereits früh Licht in ihre Bühnenshow und verwendeten hierzu alles, was sie an aussortierten Geräten von Theatern bekommen konnten. Die bei den Auftritten im UFO-Club verwendeten Flüssigkeitsdias waren ein Symbol für den „Summer of Love“ 1967 in London. Ab 1969 war Quadrophonie ein wesentlicher Bestandteil der Bühnendarbietung. Mittels eines „Azimuth co-coordinator“ genannten Mischpultes konnten Geräusche und Instrumente beliebig auf die im Raum verteilten Lautsprecher gelenkt werden. Für die Konzerte zu „The Dark Side of the Moon“ ab 1972 wurde die Show erneut aufgebohrt: Erstmals gab es eine runde Leinwand namens Mr. Screen, auf die speziell angefertigte Filme für Songs wie „Time“, „Money“ oder „Brain Damage“ projiziert wurden. Bei „On the Run“ schwebte ein brennendes Flugzeug über die Köpfe des Publikums und stürzte in die Bühne. Um das noch zu toppen, nahm man 1977 für die Tour zum Album „Animals“ die Hauptcharaktere der Geschichte als riesige, aufblasbare Puppen mit auf die Bühne. Das hierzu entwickelte, legendäre Pink-Floyd-Schwein hatte bereits das Plattencover zu „Animals“ geziert.

Mit der wachsenden Bekanntheit und den immer größeren Veranstaltungsorten wurde aber auch die Distanz zwischen Band und Publikum immer größer. Roger Waters gefiel dies überhaupt nicht und so schwor er sich beim letzten Konzert der Tour, nur noch hinter einer Mauer aufzutreten. Aus dieser fixen Idee entwickelte er 1978 das Konzept zu „The Wall“. Hierzu vermengte er Details aus seiner Biografie und der des Floyd-Gründers Syd Barrett mit einigen Klischees der Rockszene zu einem bitterbösen Plot. Mit jeder schlechten Erfahrung mauert sich der Protagonist mehr und mehr ein, bis er vollkommen von der Außenwelt isoliert ist und an seinen eigenen Gedanken zerfällt. Um dies wirkungsvoll auf die Bühne zu transportieren, wurde die vierköpfige Band um eine zweite, „Surrogate Band“ genannte Formation erweitert, die mit Gesichtsmasken die eigentliche Band imitierend die Eröffnungsnummer „In the Flesh?“ übernahm. Im weiteren Verlauf der Show halfen die zusätzlichen Musiker, das minutiös geplante Spektakel sicher über die Bühne zu bringen. In der ersten Hälfte der Show bauten die Roadies eine 50 Meter breite und fast 11 Meter hohe Mauer vor den Musikern auf, die aus 340 Pappsteinen bestand. In der zweiten Hälfte diente diese Mauer als Leinwand für die von Gerald Scarfe entworfenen Filme – die Musiker sah das Publikum nur noch vereinzelt vor oder über der Mauer, sowie in einem in die Mauer integrierten Hotelzimmer.

The Wall 1980 Teil 1

http://www.youtube.com/watch?v=XI9QliaP1Uo

Da 1980 kaum eine Halle für eine Show dieser Ausmaße ausgelegt war, hatte man kurzzeitig geplant, mit einem wurmförmigen Segeltuchzelt auf Tour zu gehen. Dieses Gebilde, das sie „Schnecke“ nannten, sollte mehr als 100 Meter lang und 25 Meter hoch sein und mit etwa 3.700 Quadratmetern Platz für bis zu 5.000 Zuschauer bieten. Da der Aufbau des Equipments mit einem Gesamtgewicht von 45 Tonnen aber ohnehin schon zeitaufwändig genug war, wollte man nicht noch einen weiteren Aufbautag für die Errichtung des Zeltes verschwenden und beschränkte sich am Ende auf wenige Orte, die für „The Wall“ geeignet waren. Hierzu zählten die Los Angeles Sports Arena, das Nassau Coliseum in New York, der Earls Court in London und die Westfalenhalle in Dortmund, die mit einer 45 Kilowatt starken PA beschallt wurden. Am Mischpult standen Chris Thomas und James Guthrie, die zuvor mit Pink Floyd im Studio gearbeitet hatten. Der mittlerweile weltbekannte Lichtdesigner Marc Brickman bekam erst 24 Stunden vor der ersten Show in LA einen Anruf, weil es Probleme mit den Lichteffekten gab. Er nutzte die Gelegenheit als Sprungbrett für seine Karriere, die ihm zahlreiche Auszeichnungen bescheren sollte.

The Wall 1980 Teil 2

http://www.youtube.com/watch?v=nYVOB0j6RX8

An der Gigantomie von „The Wall“ und dem Ego des kreativen Kopfes Waters zerbrach letztendlich Pink Floyd. Das Projekt, das von 1978 bis zum Kinofilm von 1982 das zentrale Thema in der Band war, konnte von Waters nur deshalb so dominiert werden, weil Pink Floyd dringend die Einnahmen benötigten. Sie waren einem Anlageschwindler aufgesessen, der über 90 Prozent ihrer Investitionen mit windigen Papieren versenkte. Als die Steuernachzahlung am Horizont auftauchte, mussten die übrigen Bandmitglieder wohl oder übel alles machen, was Waters verlangte. Dazu gehörte auch, dass Keyboarder Rick Wright, von dem wenig kreativer Input kam, nach der Tour die Band verlassen musste. Selbst auf der Tour hatte Wright nur noch den Status eines Session-Musikers und wurde nicht an etwaigen Einnahmen beteiligt. Dies jedoch sollte sich als Glücksfall erweisen, denn die Tour schloss mit einem dicken Minus ab. Pink Floyd konnten den finanziellen Verlust allerdings leicht verschmerzen, da sich das Doppelalbum nicht zuletzt durch den massiven Single-Hit „Another Brick in the Wall“ zu ihrem größten Erfolg seit „Dark Side of the Moon“ entwickelte.

The Wall 1980 Teil 3

http://www.youtube.com/watch?v=AFWFyp5j7W8

1990 führte Roger Waters sein Werk vor mehreren Hunderttausend Zuschauern in Berlin erneut auf. 1989 hatte er gewitzelt, dass Berlin nach dem Fall der Mauer ein geeigneter Ort für eine Neuauflage wäre – wenige Wochen später bereits fiel die Mauer. Für die Benefizveranstaltung zugunsten des Memorial Fund for Disaster Relief konnte Waters so bekannte Künstler wie die Scorpions, Ute Lemper, Cindy Lauper, Marianne Faithfull, Bryan Adams, Joni Mitchell und Sinead O’Connor gewinnen. Zu dieser Zeit kommunizierten Waters und seine Ex-Kollegen von Pink Floyd nur über ihre Anwälte, weshalb David Gilmour, Nick Mason und Rick Wright (nach dem Ausstieg von Waters wieder in der Band) nicht zu dem einmaligen Event eingeladen wurden. Zahlreiche technische Probleme überschatteten das Großereignis, so fielen zeitweilig die Delay-Tower der Beschallungsanlage aus und mussten anschließend in Schwindel erregender Höhe neu konfiguriert werden. Hinzu kam, dass mehrere Künstler ihre Texte vergaßen. Die entsprechenden Passagen mussten für das Live-Album und das Video im Studio neu eingespielt werden.

Wie wird „The Wall“ 2010/11 aussehen? Das ist bislang ein gut behütetes Geheimnis. Die Band wird der letzten Live-Formation von Roger Waters sehr ähnlich sein und nur um zusätzliche Sänger erweitert. Waters arbeitet nach eigenen Aussagen seit Jahren an einer Broadway-Fassung seines Magnum Opus, aber ob wie für das Musical angekündigt auch andere Floyd-Hits wie „Money“ in die Show integriert werden, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass der Antikriegs-Aspekt des Werkes in der Neuauflage vertieft wird. Der Vater von Waters fiel im 2. Weltkrieg in Italien, was in Teilen des Albums aufgearbeitet wird und einen wichtigen Stein in der Mauer darstellt. Im Vorfeld zur aktuellen Tour bat Waters um die Bilder gefallener Soldaten, die während der Show auf die Mauer projiziert werden sollen. Nach den Auftaktkonzerten in Nordamerika wissen wir mehr, bevor „The Wall“ im Juni 2011 auch nach Deutschland kommen wird.

„The Wall“ in Deutschland:
Mannheim: 3. Und 4. Juni 2011
Hamburg: 10. Und 11. Juni 2011
Berlin: 15. Und 16. Juni 2011
Düsseldorf: 18. Juni 2011

http://www.rogerwaters.com